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29. September 2008

Eine kurze Geschichte der Yamaha TZ 750

tz_750_tz700_74 Beim Namen Yamaha TZ750 bekommen vor allem ältere Rennsportfans meist glänzende Augen. Im Geist erscheint ein großvolumiger 4Zylinder 2Takt Renner, lackiert in den Werksfarben rot/weiß oder noch besser, gelb/schwarz/weiß, wie die Motorräder von Yamaha USA, die Kenny Roberts zu Weltruhm führte. Dass sie aufgrund ihrer brutalen Kraft schier unbeherrschbar war und über 300km/h schnell, das war und ist ihr Ruf. Natürlich auch, dass sie nur von den wildesten Hunden gefahren wurde. Aber wie war das wirklich? War diese Yamaha wirklich so wie ihr Ruf? Und vor allem, warum wurde sie überhaupt gebaut? Bild links: TZ700/750A

Mit einem kleinen sportgeschichtlichen Rückblick möchte ich hier auf dieses Motorrad, seiner Entstehung, Entwicklung und seinen Einsatzzweck eingehen. Natürlich kann es nur ein kleiner Streifzug sein, der manche Seiten beleuchtet, manche aber auch im Dunkeln lässt. Sonst bekäme diese Geschichte mehrere hundert Seiten, und selbst dann wäre sie nur unvollkommen.GL750 Also begeben wir uns auf eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit, als „The Beast“ regierte. Bild rechts: Prototyp GL750 auf der Tokio Motorshow 1971

Wie kam es zur Formel 750? In den USA hatte sich der Motorradrennsport ganz anders entwickelt als in Europa. Es gab keine teuren Spezialmaschinen, die nur für einzelne Klassen hergestellt wurden. Die Rennmaschinen stammten alle von Serienmotorrädern ab und durften im Rahmen des Reglements der AMA (American Motorcycle Association) nur wenig verändert werden. Die Rennen wurden über große Distanzen gefahren, über mehrere hundert Meilen, von einer großen Stadt zur einer anderen. Die meisten Rennen wurden aber einfach auf Pferderennbahnen oder, je nach Jahreszeit, in Viehhallen gefahren. Es waren die Dirt Track Rennen, die in Amerika die Aufmerksamkeit der Zuschauer genossen. Die Motorräder durften dabei einen maximalen Hubraum von 45 Cubic Inch oder 750cm³ haben. Nicht Spezialistentum war hier gefragt, sondern ein breit gefächertes Können. Bild links: Kurbelgehäuse

als_750_bottom_end2 In Europa fuhr man schon vor dem 2.Weltkrieg Rennen in allen möglichen Klassen. Die Sieger der Klassen durften sich am Jahresende Europameister nennen, was einem heutigen Weltmeistertitel gleichkam. Dann begann der 2. Weltkrieg und die Rennmaschinen verstummten für mehrere Jahre.
Beim Kongress der FICM (Federation Internationale des Clubs Motocyclistes) vom 25. – 27. November 1948 in London wurde beschlossen, ab 1949 eine Weltmeisterschaft mit Straßenmotorrädern für Fahrer und Hersteller durchzuführen. In drei Rennen sollte der Weltmeister ermittelt werden. Gefahren werden sollte in den Klassen 125, 250, 350 und 500cm³ sowie in der Klasse Seitenwagen bis 600cm³. Ferner wurden die Mindestdistanzen der Rennen, die Punktevergabe und die Spezifikationen für die Klassen festgelegt. Wie auch vor dem Krieg üblich, sollte mit extra für diese Rennen gebauten Spezialmaschinen gefahren werden. Motoren wurden gebaut, die man so nirgendwo sah, die aber Kosten verursachten, die auch Werke fast in den Ruin trieben. (Kommt einem auch 2008 irgendwie bekannt vor!) tz750d_zylinderBild rechts: Zylinderpaar ohne und mit Kolben.

Die Bezeichnung „Weltmeisterschaft“ war allerdings mehr als hochtrabend. Außer vereinzelten, allesamt verunglückten Versuchen, auch auf anderen Kontinenten Rennen zu fahren, wurde ausschließlich in Europa gefahren. Die WM war in Wirklichkeit eine EM. Auch Fahrer kamen nur wenige von außerhalb Europas. Wenn man vom „Motorrad Weltmeister“ sprach, meinte man in der Regel einen Europäer. Dann kam die Zeit, wo der Schutt des Krieges beiseite geräumt war, wo es den Menschen immer besser ging. Keiner wollte mehr ein Motorrad haben, alle, mit Ausnahme weniger „Spinner“, wollten endlich ein Auto. Die Motorradindustrie bekam kräftige Umsatzeinbrüche zu spüren, der Rennsport rechnete sich in Europa für die Firmen immer weniger, viele Betriebe mussten zusperren. Es schien fast, als stünde das Motorrad in Europa vor dem Ende. Aus diesem Grund ging auch das Interesse am Rennsport zurück, Motorradrennen fanden immer mehr fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Auch Honda hatte sich zurückgezogen, um die Autoproduktion aufzubauen. Die anderen Japaner engagierten sich hauptsächlich in Amerika, besonders in Daytona. Bild links: Motor aus Kenny Roberts Meilenmaschine von 1975

tz750_motor Die europäischen Motorradhersteller hatten aber rasch herausgefunden, dass sich ihre Motorräder in Amerika durch Rennerfolge prächtig verkaufen ließen. Der amerikanische Markt füllte sich in den 60er Jahren mit japanischen Motorrädern. Zuvor waren dort nur sehr wenige Motorräder zugelassen, da wollten und konnten die Europäer nicht tatenlos zuschauen. Sie investierten Millionen von Dollar in die einzige Klasse, in der in Amerika der „Grand National Champion“ gekürt wurde, in die Klasse bis 750cm³.
In Daytona waren 1970 alle großen Hersteller der Welt vertreten. Dort wurde mit Motorrädern gefahren, die die Zuschauer kannten, vielleicht sogar aus der Garage zuhause, und die Zuschauermassen füllten die Ränge. Die Motorräder aus England waren die absoluten Topfavoriten. Schon seit Jahren gewannen sie alles in Daytona. So versuchten die Amerikaner und vor allem die Engländer, eine gemeinsame Formel zu finden, damit diese faszinierenden Motorräder in beiden Ländern verwendet werden konnten.

Bei der Durchführung einer gemeinsamen Formel wäre allerdings sehr hinderlich gewesen, dass die AMA nie tz750_bakker2 Mitglied der FIM gewesen war, bis diese 1969 auf Druck der amerikanischen Motocross Fahrer beim FIM Kongress in Laibach/Lubjana zuerst die Absicht bekundete, der FIM beizutreten und 1970 die Sportgesetze für internationale Rennen akzeptierte. Ab 1971 stand den Fahrern beider Kontinente der Weg zu den Rennen der anderen Atlantikseite offen. Theoretisch wenigstens, denn was im Motocross Sport funktionierte, musste nicht für den Straßenrennsport gelten. Die Fahrzeuge waren zu unterschiedlich. Bild rechts, links und rechts unten: TZ750 mit Nico Bakker Fahrwerk des Brasilianers Edmar Ferreira (Eigentümer Michel Du Maine)

tz750_bakker1 Durch das Interesse der FIM kam aber rasch eine internationale Formel 750 zustande, die bald weltweite Akzeptanz fand. Die ersten Rennen waren noch sehr amateurhaft organisiert und waren Anhängsel von großen Veranstaltungen. Von Eigenständigkeit war noch keine Spur. 1973 bis 1976 wurde der „Prix FIM pour la formula 750“ ausgetragen. Ein Cup, der die Vorstufe zur Weltmeisterschaft sein sollte, der allerdings von Anfang an mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, die allesamt von der FIM verursacht wurden. Dann folgte die Weltmeisterschaft der Formel 750, und am Ende der Saison 1979 wurde diese Rennserie zu Grabe getragen. Man hatte das einst sehr seriennahe gehaltene Reglement über die Jahre hinweg dermaßen großzügig gestaltet, die Mindeststückzahlen so weit gesenkt, dass die siegreichen Motorräder wieder, wie in den anderen Rennklassen, hochgezüchtete, sündhaft teure Werksraketen waren, die mit den Grundmodellen bestenfalls das Aussehen gemeinsam hatten. Das Reglement wurde, wieder einmal, so lange verändert und verbessert und wieder verändert, bis die Serie tot war. Aber nun zum Hauptdarsteller der Geschichte.

Als am 31.Oktober 1970 in Tokio die Messetore geöffnet wurden, begann die Geschichte der Yamaha TZ750.Bakker TZ750 Bild_M.DuMaine Suzuki hatte den Prototyp der wassergekühlten Zweitaktmaschine GT750 präsentiert, um damit die Vormachtsstellung der Honda CB750 anzugreifen. Yamaha hatte dem nichts entgegenzusetzen. 1969 wurde zwar die XS1, Yamahas erster 4Takter, vorgestellt, aber es war kein innovatives Motorrad. Es war praktisch eine Kopie der Triumph Bonneville. So beschlossen die Manager, ein Projekt auf die Beine zu stellen, das die Gegner, zumindest Suzuki, in den Schatten stellen sollte. Im Jahr darauf wurde die Yamaha GL750 (Bild ganz oben rechts) mit einem wassergekühlten 4Zylinder 2Takt Motor vorgestellt, ausgestattet mit Benzin Einspritzung, Fünfganggetriebe und 2 Scheibenbremsen vorne. Als Leistung wurden 70 PS bei 7000U/min angegeben. Erscheinungsdatum konnte man keines nennen. Als die Messetore wieder schlossen, verschwand dieses Motorrad in Hammamatsu und ward nie mehr gesehen. Während Suzuki mit den luftgekühlten TR Modellen und Kawasaki mit ihren 750cm³ Dreizylindern, beide von Serienmaschinen abstammend, den Europäern bei den 750cm³ Rennen kräftig einheizten, hatte Yamaha nichts zu bieten, denn sie wollten sich in den großen Hubraumklassen der Serienmotorräder auf neue 4Takt Modelle konzentrieren.

tz_750_dNach langen Verhandlungen zwischen Yamaha, dem Japanischen Rennsportverband und der FIM über die Homologation von in Japan gebauten Motorrädern wurde von der FIM die Homologation eines neuen 4Zylinder 2Takt Motorrades zugesagt, wenn zumindest 200 Stück davon gebaut würden. Da die zu bauende Stückzahl auch einzelne Motoren, eine Ausnahmeregelung, einschloss, wurde von Hideto Eguchi im August 1972 angekündigt, dass Yamaha 1973 an den amerikanischen und europäischen Rennen der 750cm³ Klasse teilnehmen werde. Ein Ziel, das sich als nicht realistisch herausstellte, denn gleichzeitig arbeitete Yamaha an der neuen 500cm³ Maschine für Saarinen und an der neuen wassergekühlten TZ350, was alle Ressourcen beanspruchte. Bild links und rechts unten: TZ750D

Im Juni 1973 wurde Kel Carruthers aber nach Japan gebeten, um ein neues, wassergekühltes 4Zylinder 2Takt Motorrad zu testen, die Yamaha TZ750A-001. Yamaha hatte schon alle PR Register gezogen und, um die Konkurrenz einzuschüchtern, verlautbaren lassen, dass sie bei Testfahrten 295km/h erreicht hätten. Für damals unfassbar. Vor allem hatte Yamaha mit der neuen TZ350 Daytona gewonnen, sodass der Hubraum von 750cm³ der neuen Maschine Schlimmes vermuten ließ. Noch wusste niemand, dass es keine Maschine mit diesem Hubraum tz_750_d1 gab. Aber auch 700cm³ sollten, vorerst, mehr als genug sein.
Die TZ750 wurde vom erfahrenen Australier für sensationell befunden – bis auf ein böses Pendeln bei Geschwindigkeiten über 260km/h, das mit einer um 5cm verlängerten Schwinge und dem Versetzen der Federbeinhalter zum Ändern des Winkels verringert wurde. Ferner tüftelte Carruthers eine Service- und Instandsetzungsprozedur aus, hielt diese schriftlich fest und gab an das Werk verschiedenste Empfehlungen für Verbesserungen weiter, denn Yamaha wusste, dass die TZ750 auch in eher unerfahrene Hände gelangen könnte. Dieses Motorrad sollte ja für Jedermann käuflich sein. Die TZ750 war damals das stärkste und schnellste Serien Motorrad der Welt. Sie galt als Sportmaschine ohne Straßenzulassung und wurde wirklich in Serie gebaut (wenn auch in kleiner Serie), wie es das Reglement für die Formel 750 vorschrieb. Bild links: TZ750(C?) ex Eric Buell

tz_750d Die Motorräder Nr. 002 und 003 gingen an Yamaha USA, somit an Kel Carruthers, der mit Kenny Roberts und Gene Romero in Ontario damit Tests durchführte und dabei ein weiteres Problem fand. Es war ein immer wieder reißendes Auspuffrohr, da die Rohre der mittleren Zylinder wegen der Führung unter dem Motorrad flachgedrückt werden mussten. In den 60er Jahren hatte sich herausgestellt, dass ein konischer Auspuff die Leistung eines 2Takt Motors dramatisch verbessert. Bei diesem neuen Motorrad war aber kaum mehr Platz für die riesigen Auspuffrohre, beziehungsweise deren Konusse. So entstanden die oft abenteuerlich verschlungenen Rohrwerke um den Motor herum und unter der Schwinge hindurch, deren Form später extra der Auspuffführung angepasst wurde. So ein „Rohrbruch“ trat später immer wieder auf und kostete Kenny Roberts einen Sieg in Daytona.tz750d_steve_baker_1979

Erster großer Internationaler Einsatz der TZ750 war die 200 Meilen von Daytona 1974, die Giacomo Agostini auf einer von Kel Carruthers vorbereiteten Maschine gewann. Der italienische Weltmeister konnte durch diesen Sieg 14.960 $ oder umgerechnet 40.600 DM einstreifen, also einen Stundenlohn von 23.540 DM. Ein Preisgeld, das weder er noch irgendjemand anders je in der Motorrad Weltmeisterschaft erhalten hätte! Dass man in den USA gut verdienen konnte, das hatten auch schon andere herausgefunden, die neue Klasse und die neue Yamaha öffneten den Fahrern aber Türen in eine andere (Finanz)Welt. 57 der 100 genannten Maschinen waren TZ750, vom 12. bis zum 32. Platz lagen ausnahmslos private Yamaha TZ750A. Sie kam, wurde von allen bewundert – und siegte! Bild rechts oben: TZ750D des Nava Olio Fiat Team. Fahrer: Steve Backer und Virginio Ferrari – Saison 1978.

Der Motor war einem doppelten TZ350 Motor recht ähnlich, trotzdem passten nur ganz wenige Teile hier wie dort, da man die Charakteristik anpassen, den Motor „harmloser“ bauen musste. Die TZ350 einfach zu verdoppeln hätte in der Tat ein unfahrbares Monster ergeben. Der Motor bestand aus zwei wassergekühlten Zylinderpaaren, die beiden 180° Kurbelwellen lagen in einem horizontal geteilten Kurbelgehäuse aus Magnesium. Der Rahmen war total neu und bestand aus 28mm Rohren an den Unterzügen und aus 25mm Rohren an den oberen Rahmenteilen, den Verbindungsstücken und am Hilfsrahmen. Nur die ersten Prototypen besaßen maßstäblich vergrößerte Rahmen der DT/TR Modelle, waren damit allerdings zu schwer und zu plump. Oben war der Rahmen sehr weit gebaut, sodass der Tank so tief wie möglich nach unten gesenkt werden konnte wegen des Schwerpunktes.

tz750_ab2 Technische Daten Yamaha TZ750A – 1974: Wassergekühlter 4Zylinder 2Takt Motor – BohrungxHub: 64×54 – Hubraum: 694cm³ – Verdichtung: 7.3 – Leistung am Hinterrad: 90Ps – Höchstdrehzahl: 10500U/min – Vergaser: Mikuni VM34 – Sekundärübersetzung: 39/18 – Tankinhalt: max. 29 Liter (Reglement!) – Keine Ölpumpe für eine Frischöl Schmierung vorhanden. – 6 Gang Getriebe – Getriebeöl: 1500 cm³ – Trockenkupplung – Doppelte Bremsscheiben vorne, einfach Scheibe hinten. – Vorderrad: 3.25×18 – Hinterrad: 3.50×18 – Hinterradfederung: 2 Federbeine – Radstand: 1407 mm – Breite: 638 mm – Länge: 2037 mm – Trockengewicht: 157 kg – Gewicht rennfertig ohne Benzin: 168 kg – V/max je nach Übersetzung bis 290 km/h – Gefertigte Stückzahl: 213

Kaum hatte die TZ750 ihr erstes Rennen gewonnen, schon hatte sie Feinde, und zwar in der Motorradindustrie Europas, und (damit auch?) in der FIM. Einige Wochen nach Daytona verlautbarte die FIM, dass diese Yamaha nicht den Regeln der Formel 750 entsprach und mit sofortiger Wirkung von diesem Bewerb ausgeschlossen war. Einige Hersteller wollten sofort auch die Mindeststückzahl von 200 auf wenigstens 1000 anheben. Sie hatten, berechtigt, Angst vor dieser Yamaha. Große Konfusion war die Folge.tz750_ago_daytona_75

Bild rechts: Giacomo Agostini mit einer YZR750 OW? in Daytona 1975
Nun wurden die Artikel 31, 32 und 33 des betreffenden Anhanges zum Motorradsport Reglement genau durchleuchtet und man kam zu folgendem Schluss: die FIM hatte Recht! Dieses Motorrad entsprach tatsächlich nicht dem Regelwerk für die Formel 750, denn die von Yamaha vorgeführte Maschine hatte keine elektrische Anlage besessen, wie sie bei straßenzugelassenen Motorrädern üblich ist. Daran war die oberste Motorsport Behörde aber selbst schuld.
Im Frühjahr 1972 wurde beschlossen, als Homologationsblätter der Einfachheit halber die englische Form zu verwenden, die allerdings zwei verschiedene Ausführungen kannte, eine für „Sport Production Motorcycles“ und eine für die „Formel 750“. Die letztere musste die Vorraussetzungen für die Straßenzulassung nicht erfüllen. Als man aber 1973 diese beiden Blätter zu einem zusammenfasste, hatte man diesen Passus einfach zu streichen vergessen! Fast 200 Yamaha Kunden in aller Welt hätten wegen eines Formfehlers der FIM nicht an der Formel 750 teilnehmen dürfen!
Für 1974 war auch Feierabend bei offiziellen FIM Rennen, denn die Verantwortlichen wollten den Fehler nicht eingestehen, verstrickten sich in ihrem eigenen Regelwerk und korrigierten das falsche Regelwerk erst für das darauf folgende Jahr. So begann bereits in diesem Jahr die neue Rennklasse auseinanderzufallen. Das tat dem Erfolg der Yamaha TZ750 aber keinen Abbruch. Bild links: Viktor Palomo – Gewinner des „Prix FIM pour la formula 750“ (Weltmeister) 1976 auf einer TZ750B

f750_palomo In Europa entstanden Rennen nach amerikanischem Vorbild, ohne das Prädikat „Prix FIM pour la formula 750“. Etwa die 200 Meilen von Imola, die 1974 von Agostini gewonnen wurden. Die Veranstalter pfiffen auf die Motorsportbehörde, lobten für die damalige Zeit ungewöhnlich hohe Preisgelder aus, und gewannen so nicht nur das Interesse der weltbesten Fahrer, sondern auch das von über 100 000 Zuschauern, die sich um die Rennstrecke drängten. Alle wollten die schnellste Rennmaschine der Welt sehen, die Yamaha TZ750.
So war es auch bei den Match Races zu Ostern in England oder bei Rennen in Holland und Frankreich, die von heimischen Firmen werbewirksam mit riesigen Preisgeldern gesponsert wurden, was immer wieder die weltbesten Fahrer auf den schnellsten Motorrädern anlockte, und immer wieder weit über 100.000 Zuschauer. Bei den WM Läufen dagegen gab es oft nicht viel zu gewinnen. Die Punkte sollten der Lohn der Mühe und des Risikos sein. Viele Zuschauer waren ohne die yzr_750_ow31_2 Superraketen auch nicht zu erwarten. So kam es, dass bei WM Rennen wie am Salzburgring, bei dem ein sehr hohes Preisgeld und auch hohe Startgelder bezahlt wurden (was der FIM überhaupt nicht gefiel), alle Weltstars am Start waren, bei Rennen mit geringem Preisgeld und ohne Startgeld waren aber die Privatfahrer unter sich. Für Punkte und einem Händedruck alleine wollten die Stars nicht mehr fahren. Die Gewinner des Formel 750 Pokals oder der Formel 750 WM hatten es nie die ganze Saison über mit den stärksten Gegnern zu tun, sie fuhren sogar selber kaum alle Rennen dieser Klasse. Bild rechts: YZR750 OW31 von Jonny Cecotto

Die erste TZ750B, von der 46 Stück gebaut wurden, unterschied sich nur im Baujahr von der TZ750A,später wurden die Zylinder, die Kolben, der Auspuff und andere Kleinigkeiten geändert und der Hubraum auf 747cm³ erhöht, was eine Leistung von 105 PS am Hinterrad ergab, die Werksmaschinen leisteten (inoffiziell) 130 PS am Hinterrad. Weitere 40 Stück dieses Modells wurden als TZ750C verkauft. Die nächsten 4 Bilder unten: YZR750 OW31 von Kenny Roberts
yzr_750_ow31_roberts_3 Für Daytona wurden 1975 drei Werksmaschinen mit einem einzelnen DeCarbon Federbein hinten ausgerüstet, die von Agostini, Roberts und Baker gefahren wurden. Das noch immer auftretende Hochgeschwindigkeitspendeln, bekannt aus den ersten Produktionsserien, verminderte sich wesentlich durch diese Änderung. Roberts fiel allerdings durch Kupplungsprobleme aus. Es gewann Gene Romero auf einer „alten“ TZ750B mit 2 Federbeinen vor Steve Baker auf der neuen Werksmaschine.

Ende 1976 beschloss Yamaha eine wesentliche Änderung seines Erfolgsmodells. Das Ergebnis war die TZ750D, die als OW31 bekannt wurde, obwohl die OW31 nie in private Hände kam. Diese war ein reines Werksmotorrad, von dem es nur eine Handvoll (für Agostini, Cecotto, Baker, Roberts und Hideo Kanaya) gab und deren richtige Bezeichnung YZR750 OW31 war. Die „D“ sah der OW31 auf den ersten Blick verblüffend ähnlich. Sie war aber eine Replik, nicht aus den teuren Materialien gefertigt wie das Original, daher auch um 16Kg schwerer. Gewichtsmäßig war die „D“ nur um 2 kg leichter als das alte Modell mit 2 Stoßdämpfern! Nur 30 Stück wurden 1977 von der „D“ weltweit verkauft. In den USA kostete sie 5.195 $, in England war sie um 6.500 Pfund zu yzr_750_ow31_roberts_2 haben.
Der hohe Preis und die Abstammung von der berühmten OW31 ließen viel erwarten, aber was Yamaha mit diesem Modell lieferte war enttäuschend. Die Qualitätskontrollen mussten miserabel gewesen sein, denn die Fahrer klagten über festgehende Motoren, kaputte oder kaum einstellbare Dämpfer hinten und viel andere Probleme, die es an den Vorgängermodellen nicht gegeben hatte. Nur wenige Privatfahrer wollten aber auch wahr haben, dass mit der TZ750D die weitere Entwicklung und Unterstützung seitens Yamaha ausblieb. Die Probleme mit den Kolbenfressern wurden erst durch viel Arbeit von Erv Kanemoto gelöst, dann war auch für Privatfahrer Ruhe. Nur die Werksfahrer hatten keinen Grund zu klagen, denn die (echte) OW31 war bei weitem das schnellste Motorrad im Feld. Sie wurde aber nur mehr bei ganz großen Rennen aus den ehrwürdigen Hallen geholt. Dann hatten die Privatfahrer allerdings auch nichts mehr zu melden. Das war eine Folge missratener Regeländerungen und Erweiterungen, die die FIM zu verantworten hatte, siehe weiter oben.

yzr_750_ow31_roberts_1978 Welches technische Verständnis die Verantwortlichen der AMA/FIM hatten, zeigte auch eine Sonderregelung für das 200 Meilen Rennen in Daytona 1978. Auf dieser Strecke gab es immer wieder Reifenprobleme, die wirkliche Ursache interessierte aber scheinbar niemanden. Kenny Roberts hatte gesagt, sein Motorrad rutsche beim Passieren der Start/Ziel Linie, so viel Leistung stecke im Motor. Daraufhin reduzierte die AMA durch das technische Bulletin 78-1 den Ansaugquerschnitt der 4Zylinder Motore von ehemals 34mm Durchmesser mittels eines Lochs mit 23 mm Durchmesser in einer 2mm dicken Scheibe, die zwischen Vergaser und Motoreinlass platziert werden musste. Für 3 oder 2 Zylinder galten 27mm bzw. 33mm als Maximum. Die Firma, von der sich die AMA die technische Expertise für diese Maßnahme einholte, war keine geringere als – Yamaha! Die Folge dieser Maßnahme sollte eine Reduktion der Motorleistung für alle Maschinen sein, daraus resultierend ein Gewinn an Sicherheit.

Die Geschwindigkeiten waren in Bereiche vorgedrungen, die, zumindest in Daytona, nicht mehr vertretbar zentralfederbein schienen. Dabei stellte sich später heraus, dass die Reifen nur durch die überhöhten Kurven des „Nudeltopfes“ so in Mitleidenschaft gezogen wurden. Auf anderen Strecken gab es diese Reifenprobleme nicht! Aber die Steilwand wurde aus Tradition gefahren, auch mit diesen schnellen Boliden.

Die wirklichen Folgen dieser Maßnahme waren abertausende verbratene Dollar für die Privatfahrer durch Kolbenfresser und Löcher in den Kolben während der Trainingswoche. Nur die Werksrenner von Yamaha hatten diese Probleme nicht. Dafür hatte ja die AMA/FIM gesorgt, denn sie hatte diese Maßnahme zwar 6 Monate zuvor angekündigt, das Bulletin mit den gültigen technischen Daten aber erst 2 Monate vor Daytona offiziell herausgebracht, als die Privatfahrer nicht mehr testen konnten, da die Staaten noch im Schnee versunken waren. Yamaha hatte inzwischen, da ja technischer Berater in dieser Causa, alle Möglichkeiten durchexerziert und dann der AMA ihre Empfehlung mitgeteilt. Yamaha war für alle Eventualitäten gerüstet, nicht aber die Privatfahrer.

Yamaha hatte natürlich nicht einfach die pons_750_79_weltmeister Reduzierscheiben eingebaut, wie es die Privatfahrer tun mussten. Die hatten einen neuen Motor mit speziell angepassten Vergasern und Einlasskanälen für diese Kalibrierscheibe gebaut, deren Strömungsverhalten natürlich angepasst war. Die Anderen kämpften mit den unterschiedlichen Druckverhältnissen vor und hinter der Scheibe, die sich noch dazu je nach Drehzahl veränderten. Die normalerweise pfeilschnelle TZ750 verhungerte auf den Geraden und magerte entweder im oberen oder unteren Drehzahlbereich gefährlich ab. Nur die Fahrer, die den Motor sicherheitshalber, wegen des komischen Verhaltens, sehr fett eingestellt hatten, erreichten das Ziel. Die anderen hatten teure Reparaturkosten zu tragen und wussten größtenteils auch nach dem Rennen nicht, was mit ihren Motoren los war. Die Werksmaschine ging ja wie der Teufel. Bild links oben: Der letzte F750 Weltmeister von 1979 – Patrick Pons

Dank dieser „Sicherheitsmaßnahme“ gewann Kenny Roberts erstmals die 200 Meilen von Daytona. Kel Carruthers hatte eine dermaßen sagenhafte Abstimmung für diesen kastrierten Motor ausgetüftelt, dass Roberts das Rennen nicht nur mit Rundenrekord und neuem Rekord über die Renndistanz gewann, er hatte dabei auch noch das gesamte Feld überrundet, mitsamt der offiziellen japanischen Werksmaschine von Jonny Cecotto. Roberts war mit tz750_endurance_sonauto seinem Motor so zufrieden, dass er ihn, ohne das es notwendig war, die meiste Zeit in der Saison so einsetzte.
Genauer auf diese Problematik einzugehen wäre hier viel zu umfangreich. Kevin Cameron, damals Techniker und Teameigner, später Journalist bei Cycle World, Amerikas größter Motorradsport Zeitung, erzählt in seinem Buch „TOP DEAD CENTER“ die unglaubliche Geschichte dieser „Schweinerei“. Bild rechts und links unten: TZ750D des Französischen Importeurs Sonauto, die mit Pons/Sarron beinahe den Bol d`Or 1978 gewonnen hätte.

Nach 1978 wurde weltweit das Interesse an der Formel 750 immer geringer. Gegner hatten die Yamaha schon lange nicht mehr. Zwei uralte Werks-Kawasaki mit Greg Hansford und Yvon DuHamel schafften Ende 1979 beim letzten Rennen in Kanada noch einen Sieg über die „Meute“ der Yamaha Fahrer. Dort war die Meute aber schon sehr klein. Kaum 15 Privatfahrer stellten sich zum Kampf. Die Saison war bereits gelaufen und die Preisgelder den Aufwand nicht mehr Wert.

tz750_endurance_sonauto2 Der letzte Weltmeister der Formel 750 wurde Patrik Pons. Er war der erste Motorrad Weltmeister aus Frankreich.
Die letzte TZ750F, die serienmäßig 120 PS am Hinterrad leistete, wurde 1983 verkauft. Trotz dem Ende der Weltmeisterschaftsrennen gewann dieses Motorrad noch zahlreiche Rennen der Sportmaschinen Klassen auf der ganze Welt.

Den letzten großen Erfolg heimsten diese Motorräder in den USA ein. In der Formula 1, die mit 1000 cm³ 4Takt Rennmaschinen von Kawasaki, Honda und Suzuki ausgetragen wurde, belegten am 26. Juni 1983 in Pocono/Pennsylvania Gregg Smrz, Doug Brauneck und Miles Baldwin die ersten drei Plätze. Drei über 4 Jahre alte Motorräder hatten die modernen Rennmaschinen nochmals geschlagen. Miles Baldwin, Fahrer des Teams von Tuner/Teamchef Kevin Cameron, schaffte auch noch den 2. Platz in der Meisterschaft mit dieser TZ750. Dabei war das Team nur knapp einer Bestrafung durch die AMA entgangen. An der Yamaha war nur das Oberteil der Verkleidung mit der Scheibe montiert, da sie so eine höhere Endgeschwindigkeit erreichte. Man bezichtigte sie, mit diesem „Rat Bike“ dem Ansehen der Klasse zu schaden! tz750_indimilerBild rechts unten: Die legendäre Dirt Track Maschine mit dem TZ750 Motor von Kenny Roberts – Sieger des Meilen Rennens in Indianapolis 1975.

Alleine die vielen Erfolge durch Privatfahrer beweisen, dass dieses Motorrad bei weitem nicht das bösartige Monster gewesen sein kann, als das es verschrien war. Zweimal war sie sogar zweckentfremdet sehr erfolgreich. Das französische Sonauto Team hätte beinahe ein 24Stunden Rennen damit gewonnen (nachzulesen bei Christian Sarron), Kenny Roberts gewann damit (mit dem Motor in einem Dirt Track Rahmen) das große Meilenrennen von Indianapolis 1975 (nachzulesen bei Kenny Roberts). Sie war recht gutmütig zu fahren, vor allem mit den Fahrwerken von Nico Bakker, auf das zahlreiche TZ umgebaut wurden. Sie war in kundigen Technikerhänden zuverlässig und relativ! günstig einzusetzen. Vor allem aber war sie sauschnell. So wird uns die Yamaha TZ750 als „The Beast“ in Erinnerung bleiben.

tz750f_1979 Technische Daten Yamaha TZ750F – 1979 – BohrungxHub: 66.4×54- Hubraum: 747cm³- Verdichtung: 7.3 – Leistung am Hinterrad: 120 PS – Höchstdrehzahl: 11 000U/min – Vergaser: Mikuni VM34 – Sekundärübersetzung: 36/18 – Vorderrad: 3.25×18 – Hinterrad: 3.75×18 – Hinterradfederung: Einzelner DeCarbon Dämpfer – Radstand: 1390 mm – Breite: 638 mm -Länge: 2014 mm – Trockengewicht: 152 kg

Quellen:
Formel 750 – Die Klasse der Asse von Wolfgang Gruber ISBN 3-87943-523-5
YAMAHA – ALL FACTORY AND PRODUCTION ROAD RACING ZWO STROKES FROM 1955 TO 1993 ISBN 978-1-85223-920-6
FIM 1904 – 2004 100 years of motorcycling ISBN 13-978-2-84707-122-1
Inside American Motorcycling and the American Motorcycle Association 1900 – 1990 ISBN 0-9627434-1-0
TOP DEAD CENTER by Kevin Cameron ISBN 13-978-0-7603-2727-2
Suzuki, Motorräder seit 1952 ISBN 3-613-02091-2

Link zu Seiten für und über die Yamaha TZ750:

1978 – YZR750-OW31 – Japanischer Amateurfilm. Vorstellung der Roberts Maschine

Yamaha partsmanual fiche – Teileliste und Preise

Weiterführende Link zu Seiten, die das Thema 2Takt Renner oder Klassische Rennmaschinen behandeln:

The TZ350 and 250 Webside

Klassik Motorrad.de

North American Two-Strokes

Michel Du Maine – Classic Race Bikes

9 Comments »

  1. Ein wunderbar geschriebener Artikel
    Gibt ausser viel info auch die realität wieder
    Zeigt auch das zu viel und zu schlechte regeln
    mit entsprechenden änderungen eine schöne serie
    kaputt machen können
    Auch die verschiedenen bilder entsprechen der realität
    Gruss Michel du Maine
    Assen – Niederlande

    Kommentar by Michel du Maine — 6. Januar 2009 @ 00:43

  2. super informativ,und gut geschrieben. kompliement!!

    Kommentar by klaus — 17. Januar 2009 @ 01:20

  3. Ich danke Euch für die netten Kommentare, die nicht nur hier, sondern auch an anderer Stelle abgegeben wurden.

    Vor allem möchte ich mich bei Michel du Maine bedanken.

    Michel, Du hast mir nicht nur herrliche Bilder zur Verfügung gestellt, deren Veröffentlichung den Rahmen hier bei weitem sprengen würde. Erst durch Dich und Deine Empfehlungen wurde diese kleine Geschichte über alle Grenzen hinweg bekannt und in so kurzer Zeit von so vielen Leuten gelesen.
    Dafür danke ich Dir ganz herzlich.
    Es ist schön, die täglich anwachsende Leserzahl zu beobachten und spornt mich an, vielleicht einmal eine ähnliche Geschichte über den Rennsport oder ein bekanntes Motorrad zu schreiben.

    Euer Hannes

    Kommentar by Benzin — 13. Februar 2009 @ 18:46

  4. Auch von mir ein Kompliment für den tollen Artikel! Bravo! Sehr ausfühliche Info!

    Kommentar by Sebastian — 19. August 2009 @ 10:31

  5. Für mich war sehr spannend diesen Artikel zu lesen, hat mir echt gut gefallen. Yamaha ist der Hammer!

    Kommentar by Vincent — 18. September 2009 @ 10:24

  6. Hallo !
    Hab die Seite schon lang gespeichert und immer wieder gelesen aber noch nie
    einen Kommentar gesendet hier ist er : SUPER !!! hab selber eine TZ 700 und
    weiss um wass es geht! Gruss

    Kommentar by Peter — 17. März 2010 @ 08:52

  7. Danke, das freut mich außerordetlich.
    Ich wünsche noch recht viel Freude mit der großen TZ

    MfG Hannes

    Kommentar by Benzin — 17. März 2010 @ 16:59

  8. Hallo, wirklich gut der Artikel. Das waren halt noch Zeiten.
    Habe auch einen TZ750 (Bj 72 ), aber in einem Schneemobil eingebaut. Das Teil funktioniert barbarisch.
    Gruss. Gg,

    Kommentar by georg — 6. April 2012 @ 22:03

  9. Sehr guter Artikel!
    Walter Ohrmann und ich hatten dieses Motorrad aus der ersten Serie. Motor wurde für unser Gespann benötigt.
    MfG Bernd

    Kommentar by Bernd Grube — 26. Juli 2013 @ 12:31

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